Das falsche Lesezeichen — eine kurze Oktobergeschichte

Eine erfundene Begegnung im eigenen BuchDiese kurze Geschichte ist frei erfunden. Sie handelt nicht von einer wirklichen Person oder Bibliothek. Im Mittelpunkt steht ein Zettel, der an der falschen Stelle liegt und deshalb etwas anderes in Bewegung bringt.

Seite neunundvierzig Als Nora ihr Buch im Oktober wieder aufschlug, steckte das Lesezeichen auf Seite neunundvierzig. Sie war sicher, weiter gewesen zu sein. Auf dem Zettel stand nur Milch, Brot, Birnen. Offenbar hatte sie ihre Einkaufsliste irgendwann zum Gedächtnis des Buches ernannt.
Ein Satz ohne Vorgeschichte Sie las den ersten Absatz der Seite. Er kam ihr bekannt vor, aber nicht vertraut. Eine Figur stand vor einer Tür und überlegte, ob sie klopfen sollte. Nora musste an einen Freund denken, dem sie seit Wochen noch ausführlich antworten wollte.
Die ausführliche Antwort In ihrem Kopf hatte die Nachricht längst drei Teile: eine Erklärung, eine Entschuldigung und einen guten Vorschlag. Gerade deshalb hatte sie keinen einzigen davon geschrieben. Die Figur im Buch klopfte. Nora legte das Telefon neben die Einkaufsliste.
Nur ein Anfang Sie schrieb: Ich habe deine Nachricht nicht vergessen. Hast du diese Woche Zeit für einen kurzen Spaziergang? Mehr nicht. Danach las sie weiter. Erst mehrere Seiten später erinnerte sie sich, dass sie diesen Abschnitt tatsächlich schon kannte.
Das richtige Lesezeichen Am Abend steckte sie einen neuen Zettel ins Buch. Darauf stand keine Zahl, sondern Mittwoch, halb sechs. Die Einkaufsliste kam an den Kühlschrank. Beide Zettel hatten endlich eine passende Aufgabe, und keiner musste sich mehr alles allein merken.
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